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Evolutionäre Integrale Spiritualität - Over-Mind und Super-Mind

Posted on May 28th, 2008 by Tom : Conscious Evolution Tom

Der folgende Text überschreitet zwar bei weitem die übliche Länge eines Blogs, ich dachte aber er könnte trotzdem für viele interessant sein. Er ist die Kurzfassung eines frei gehaltenen Referats, dass ich auf der Konferenz des Integralen Forums am Chiemsee Ende letzten Jahres gehalten hatte. Gerade Tags davor hatten wir eine Telefon Live-Schaltung mit Ken Wilber wo Ken in seiner eigenen Sprache über Evolutionäre Spiritualität sprach, wie ich es sonst von ihm noch nie gehört hatte. Eigentlich hat er genau unsere Arbeit von EnlightenNext beschrieben, aber lest selbst:

 

 

Evolutionäre Integrale Spiritualität - Over-Mind, Super-Mind, und die Integrale Kultur

Stark gekürzter Vortrag von Dr. Tom Steininger, gehalten bei der Jahrestagung des Integralen Forums am 25. 11. 2007 am Chiemsee, Bayern

Wenn wir von evolutionärer integraler Spiritualität sprechen, sprechen wir nicht nur von spirituellen Erfahrungen, sondern auch von der Entwicklung neuer Bewusstseinsstrukturen. Ken Wilber unterscheidet ja bereits in seiner Wilber-Combs-Matrix zwischen Zustands-Spiritualität und einer Spiritualität, die ich hier eine evolutionäre Integrale Spiritualität nennen will, eine Spiritualität, die in neue Bewusstseinsstrukturen vordringt.

Neben den Bewusstseinszuständen, die im Mittelpunkt klassischer Spiritualität stehen, wie grob-, feinstofflich, kausal und non-dual gibt es eben sich geschichtlich entwickelnde Bewusstseinstrukturen, die man mit Jean Gebser archaisch, magisch, mythisch, rational und integral, bezeichnen kann, oder mit Spiral Dynamics mit den Farben von beige bis türkis und darüber hinaus.

Und in diesem Zusammenhang hat Ken gestern in seinem Telefongespräch mit uns etwas unheimlich Spannendes ausgeführt. Er beschrieb ein Bewusstsein, das in neue Strukturen vordringt, als Over-Mind und Super-Mind. Als Beispiel brachte er die historische Epoche als das orange Meme entstand. Der Over-Mind, so Ken, bezeichnete damals ein Bewusstsein, das einerseits die Tiefe der spirituellen Zustands-Erleuchtung umfasste, also die Leere und die Non-Dualität, aber gleichzeitig auch das „cutting-edge“ (der Scheidepunkt A.d.Ü.) der Bewusstseinsstrukturen der damaligen Zeit war – nämlich das orange Meme. Und Super-Mind, so Ken, war damals jenes Bewusstsein, das zusätzlich über diesen Horizont leicht hinausschauend in die grüne Bewusstseinsstruktur hineinsah.

Over-Mind und Super-Mind eröffnen also eine evolutionäre Schiene, in der neben der Erfahrung der Non-Dualität sich auch die gesamten Bewusstseinsstruktur zu dem hin öffnet, was in einer bestimmten geschichtlichen Epoche evolutionär möglich ist. Was für eine spannende und weitreichende Unterscheidung!

Natürlich führt das sofort zu der Frage: "Wo stehen wir heute, welche Bewusstseinsstrukturen sind heute möglich? Was bedeuten Over-Mind und Super-Mind heute?“ Im Dialog, den Ken und Andrew Cohen im Magazin What Is Enlightenment? führen, sprechen beide für die heutige Zeit vom Übergang von einem pluralistisch weltzentrischen Bewusstsein zu einem kosmozentrischen Bewusstsein. Sie meinen damit einen Identifikationsübergang, in dem das Subjekt beginnt, sich selbst nicht nur als hochindividuierte/r Einzelne/r zu erkennen (das ist die Kulturleistung von Moderne und Postmoderne), sondern auch als jener universelle evolutionäre Zusammenhang, welcher der ganzen kosmischen Evolution zugrunde liegt. Diese Identitätsverschiebung und -erweiterung ist natürlich eine spirituelle Erkenntnis. Andrew Cohen bezeichnet dies als Authentisches Selbst.

Integrales Bewusstsein beginnt mit der kognitiven Erfassung des größeren Zusammenhangs aller Quadranten, Linien und Ebenen. Aber die entscheidende Frage ist, ob etwas eine kognitive Erkenntnis bleibt oder, ob sich der Schwerpunkt meines Seins sich dorthin verschiebt. D.h. die kognitive Linie kann sich in neue Strukturen hineindenken, aber mein Schwerpunkt, der Platz von dem aus ich wirklich lebe, kann durchaus noch auf einer pluralistisch, individualistischen Stufe sein. Ken und Andrew sprechen in ihrem letzten Dialog in What Is Enlightenment? vom Übergang von Second Tier zu Third Tier. Was sie damit ansprechen ist ein Übergang von einer hauptsächlich kognitiven Integration des Ganzen zu einer existenziellen Schwerpunktverlagerung, in dem die lebendige Evolution des Ganzen zu einer realen, evolutionär-spirituellen Lebenshaltung wird.

Ich möchte hier eine persönliche Erfahrung mit einbringen: Unsere Arbeit bei EnlightenNext geht hauptsächlich darum, das zu erforschen und damit zu experimentieren, was Ken und Andrew hier als Third Tier (den dritten Rang A.d.Ü.) ansprechen. Und ich nehme Third Tier jetzt einfach einmal als Metapher, unabhängig davon, ob das wirklich eine eigenständige, neue Stufe ist. Ich vermute, dass es viel mit dem zu tun hat, was Ken Super-Mind nennt.

Es geht mir auch nicht nur um eine theoretische Diskussion, sondern vor allem darum, was das mit unserer Lebenspraxis zu tun hat. Das Spannendste an dieser neuen Bewusstseinsstruktur sehe ich darin, dass – egal in welchen Gruppenzusammenhängen sie sich zeigen – wenn Individuen sich in einer Ausrichtung treffen, die über das individualistisch-pluralistische Bewusstsein der Post-Moderne hinauszeigt, wenn man gemeinsam diesen integral-evolutionären Impuls ernst nimmt, und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch existentiell, in der gelebten Gegenwart, dann zeigt sich oft ein reales, intersubjektives Bewusstseinsfeld, in dem dieser Impuls gemeinsam getragen wird.

Ich spreche absichtlich von einem Bewusstseinsfeld, weil diese Struktur einen starken intersubjektiven Charakter hat. Und dieses Feld hat auch einen starken evolutionären Charakter. Es wird von dem bewusst gesetzten Impuls getragen, sich gemeinsam im Rahmen eines universellen, evolutionären Impulses weiter entwickeln zu wollen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit bei EnlighenNext liegt darin, dieses intersubjektive Feld, in dem wir eben eine neue Bewusstseinsstruktur sehen, zu bilden und zu entwickeln.

Wir brauchen mehr als spirituelle Zustandserfahrungen. Genau das hat Ken gestern in seiner Unterscheidung zwischen Big Mind, Over-Mind und Super-Mind so deutlich angesprochen. Diese Erkenntnis muss aber auch mehr als eine kognitive Erkenntnis sein. Wir brauchen mehr als das Meditationskissen und mehr als kognitives Erkennen, wir brauchen einen dialogischen Zusammenhang in dem die verschieden Dimensionen miteinander integriert werden können. In diesem gemeinsamen Feld werden neue Bewusstseinsstrukturen geboren.

Wenn wir postmoderne Narzissten uns in eine existentiellen Weise darauf einlassen, dass es einen größeren evolutionären Zusammenhang gibt als unsere Ego-Welten, wenn wir in dem auf eine echte Weise zusammenfinden, dann beginnt so etwas wie die Post- Postmoderne. Wenn uns das gelingt, dann stehen wir am Anfang einer integralen Kultur. Herzlichen Dank!

(Der Vortrag wurde in den Integralen Perspektiven in dieser Form veröffentlicht)

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